Die Maslowsche Bedürfnispyramide verfolgt mich nicht erst seit dem Studium, aber seit dieser Zeit haben sich unsere Wege sehr oft gekreuzt. Für meine Bachelorarbeit im Jahr 2008 habe ich dann das erste Mal versucht, die Bedürfnispyramide mit dem Social Web in Einklang zu bringen. Der umständliche Titel lautete damals „Social Networking Plattformen im Web 2.0 – Welche Bedürfnisse beeinflussen das Nutzerverhalten und wie gehen die verschiedenen Arten von Plattformen darauf ein“. Die in der Arbeit erwähnten Plattformen waren damals Studivz, Myspace und Xing, was natürlich aus aktueller Sicht ein wenig anders aussehen würde. Die Entdeckung der folgenden Grafik hat mich daher aus verschiedenen Gründen angesprochen, u.a. weil ich mit meinem Dozenten einige Diskussionen darüber führte, ob die Bedürfnispyramide als umstrittenes Konzept einfach so auf moderne Strukturen angewendet werden könnte. Nun, die Grafik zeigt, dass ich mit meiner Idee zumindest nicht alleine bin:

Maslow in Social Media Bedürfnissen übersetzt(Quelle: http://mostviralmedia.com/2012/02/maslows-hierarchy-of-needs-and-the-social-media-that-fulfill-them-infographic/)

Eine kurze Erläuterung zur ursprünglichen Form der Maslowschen Bedürfnispyramide: das Modell beschreibt die Motivationen, Antriebe oder eben Bedürfnisse der Menschen in verschiedenen Stufen. So beginnt die Pyramide mit „physiologischen Bedürfnissen“, danach folgen „Sicherheit“, „soziale Bedürfnisse“, „Individualbedürfnisse“ und schließlich die „Selbstverwirklichung“. Die Bedürfnisse der höheren Stufen sind in der Regel erst explizit vorhanden, wenn die unteren Stufen befriedigt sind. Außerdem wird unterschieden zwischen Defizitbedürfnissen (Stufen 1 – 3, teilweise auch 4) und unstillbaren Bedürfnissen (teilweise Stufe 4, Stufe 5). In klaren Worten: wenn ich satt bin, will ich nichts mehr essen, aber auch wenn ich als Autor einen Artikel fertig geschrieben habe, möchte ich am liebsten direkt den nächsten verfassen.

In ihrer modernen Form sollen die einzelnen Bedürfnisse nun unterschiedlichen Netzwerken zugeordnet werden. Für die physiologischen Bedürfnisse gibt es noch kein passendes Netzwerk (Marktlücke!), erst bei den Sicherheitsbedürfnissen geht es mit beruflichen Netzwerken los. Sowohl die Job- als auch die Familiensicherheit spielen hier eine große Rolle. Weiter geht es mit Facebookund Google + im Bereich der sozialen Bedürfnisse – wo sonst? Individualbedürfnisse werden laut der Grafik bei Twitter ausgelebt, während Selbstverwirklichung über Blogs stattfindet.

Ich selbst entdecke dabei einige Gemeinsamkeiten mit meinem eigenen Verhalten, denn als Social Networks aufkamen, war ich zunächst vor allem aus sozialen Gründen dabei, auch wenn mir das kaum sofort bewusst war. Es fing an mit Myspace, ging später weiter mit dem Studivz und schließlich Facebook, zwischendurch gab es auch einige Nischen- oder Regionalnetzwerke. Twitter und mein eigener Blog kamen erst deutlich später dazu, als ich mich mehr mit dem Thema beschäftigte und auch andere soziale Kontakte hatte, die sich eben in diesen Kreisen bewegt haben. Insbesondere mein Vorhaben, regelmäßig zu bloggen, ist am Anfang mehrfach daran gescheitert, dass ich nicht den richtigen Ansatz gefunden habe und auch erst mein Publikum finden musste.

Gleichzeitig müssen einige Ansätze aus der Grafik auch in Frage gestellt werden. Inwiefern handelt es sich z.B. bei der Nutzung von Facebook< oder Twitter um ein Defizitbedürfnis? Ich kenne leider nur allzu viele Facebook-Nutzer, die nicht damit zufrieden sind, ein Video zu posten oder eine Spiele-Einladung zu verschicken – nein, das muss mehrmals am Tag geschehen, dieses spezielle Bedürfnis scheint also nicht so leicht zu stillen zu sein.

Bedürfnispyramide weiter gedacht: Maslow, Motivation und Social Media

Eine weitere Frage: lässt sich wirklich eine Rangfolge erkennen? Nutze ich das Social Web intensiver, wenn ich neben Facebook AUCH Twitter nutze und vielleicht sogar einen Blog schreibe? Oder interessiert mich Facebook weniger, wenn ich mehr Wert auf die höheren Level lege? Meine eigene Erfahrung: ich nutze alles. Wobei Facebook und mein Blog wohl noch (!) vor Twitter liegen. Mein Eindruck bei extensiven Twitter-Nutzern: Facebook hat einen eher geringen Stellenwert. Dies kann verschieden ausgelegt werden: entweder ist das soziale Bedürfnis nicht so stark vorhanden, so dass direkt auf Individualbedürfnisse eingegangen wird. Oder diese Nutzer setzen ihr soziales Bedürfnis anders um, müssen also nicht zwangsläufig Facebook nutzen, um später das Bedürfnis zu haben, auch bei Twitter aktiv zu sein. Insgesamt halte ich eine klar gültige Rangfolge für höchst unrealistisch; wahrscheinlicher ist meiner Meinung nach, dass jeder Mensch seine individuellen Werte hat, die sich oft, aber nicht immer deckungsgleich auf einzelne Bereiche des Social Web übertragen lassen. So findet jeder seine eigenen Schwerpunkte und muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn er bloggt, ohne sich für Facebook zu interessieren oder twittert, ohne sich ausgiebig in mehr als 140 Zeichen äußern zu wollen.

Das könnte Sie auch interessieren ...