Zwei Tage nach der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus fand heute im Rahmen der Social Media Week im Base Camp Unter den Linden eine Expertendiskussion über die Auswirkungen sozialer Medien auf Wahlergebnisse statt. Im Lichte des sensationellen Erfolges der (heute durch Martin Delius vertretenen) Piratenpartei war bereits am Wahlsonntag kurz nach 18:00 insbesondere auf Twitter bei Vertretern anderer Parteien rege Betriebsamkeit aufgekommen, man müsse das Thema Web 2.0 künftig stärker in den Focus rücken und endlich ernst nehmen. Bild von Social Media Week Berlin

Zunächst umso überraschender dürfte daher das Urteil sowohl von Klas Roggenkamp von wahl.de, als auch des Complexium-Geschäftsführers Prof. Martin Grothe gewesen sein, Social Media habe im Wahlkampf keinen messbaren Effekt auf das Ergebnis gehabt. Denn tatsächlich wäre es zu kurz gedacht, z.T. gerade einmal vierstellige Follower- oder Fanzahlen für Stimmenergebnisse im sechsstelligen Bereich verantwortlich zu machen.  Andreas Bersch von der Agentur Berliner Brandung sekundierte: “Die Bundestagswahl 2013 wird nicht im Netz gewonnen.“
Björn Böhning (SPD) stellte dann auch fest, dass die meisten Social-Media-Aktivitäten öffentlich gar nicht sichtbar seien, und zu ca. 70% die Mobilisierung von Mitgliedern und Anhängern betreffe. Ohnehin ließe sich das Phänomen Obama nicht auf Deutschland übertragen.

Wahlen in Social Media

Leider zeigte sich im Verlauf der Veranstaltung wiederholt ein sehr klassisches Herangehen an Social Media. Zwar ist es richtig, dass z.B. der Berliner Landesverband der Piraten gerade einmal knapp 2000 Fans auf Facebook hat, was o.g. Urteil stützt, nichtsdestotrotz ist ja nicht von der Hand zu weisen, dass der Erfolg der Partei ja irgendwas mit dem Internet zu tun haben muss.

Lösen wir uns also besser mal von der KPI-orientierten Perspektive des PR-Menschen. Wo aus Unternehmenssicht schon oft die falsche Vorstellung vorherrscht, man müsse nur mal was auf Facebook machen, darüber hinaus Social Media aber weder verstehen noch verinnerlichen, wird diese Problematik in der Politik besonders deutlich. Denn sozialmediale Plattformen werden hier nur allzu gerne als reiner PR-Kanal genutzt: Da wird die Pressemitteilung eben nicht bloß über den alten Verteiler geschickt, sondern schnell nochmal auf Twitter und Facebook verlinkt. Eine Betreuung des zur Verfügung stehenden Rückkanals findet allzu häufig nicht statt. Und hierin liegt das Grundproblem einer falschen Herangehensweise der Politik an das Web 2.0.: Es ist nicht die unmittelbare Reichweite, die zählt, sondern der virale Effekt, der sich aus dem Dialog ergibt. Ich erreiche auf Twitter und Facebook nicht nur denjenigen, den ich auf anderen Wegen eben nicht erreiche, sondern spreche in der Regel auch Menschen mit einem politischen Grundinteresse an. Kann ich dieses durch Involvement verstärken, gewinne ich im besten Fall einen Multiplikator. Denn auch wenn künftige Wahlen in Deutschland vielleicht noch nicht im Netz gewonnen werden, so hat sich doch 2009 für die SPD im Zuge der Zensursula-Debatte schon schmerzlich gezeigt, dass sie längst dort verloren werden können.

Ganz ähnlich sah dies auch Martin Delius von der Piratenpartei, der eben diesen viralen Effekt hervorhob und unterstrich, dass der Erfolg eben nicht in einer zentralen Kampagne zu sehen sei, sondern im sozialmedialen Engagement der einzelnen Aktivisten und Unterstützer, welches sich zu einer enormen Gesamtreichweite potenzierte. Und genau hierin dürfte auch das Hauptproblem für die Kampagnenumsetzung anderer Parteien bestehen: Die Protagonisten an das soziale Netz zu gewöhnen. Denn, so befand Björn Böhning zutreffend in seinem Schlusswort: „Es geht um eine neue Kultur.“

Ein nicht ganz unwichtiger Aspekt politischer Social Media Auftritte ist jedoch leider in der Diskussion weitgehend vernachlässigt worden, nämlich die Frage, ob soziale Netzwerke überhaupt in erster Linie einen unmittelbaren Effekt auf ein Wahlergebnis haben sollten, oder ob der von Böhning angesprochene Kulturwandel nicht eher auf die Crowdsourcing-Potentiale abzielt, die es dem Wahlkämpfer ermöglichen, gesellschaftliche Probleme frühzeitig zu erkennen, Lösungsvorschläge aufzunehmen und sich aber auch der neuen Kontrolle einer fünften Gewalt auszusetzen. Hier wäre die Brücke in Richtung Liquid- und e-Democracy zu schlagen gewesen, doch das, so Moderator Willi Steul, sei ein anderes Thema, das er gerne so bald wie möglich mal debattieren wolle.

 

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